Umsiedelung eines Steinhummelvolkes


von Alex Schlecht, Kirchweidach

Tag 1, 01.07.2000, Samstag
Ein Hilferuf meiner Schwester erreichte mich heute: auf ihrem Grundstück befindet sich ein großer Holzhaufen, der wegen bevorstehender Erdarbeiten weggeräumt werden muß. Seit Tagen ist sie schon damit beschäftigt, den Holzstoß ab- und an anderer Stelle wieder aufzubauen.
Heute, als sie die letzten beiden Reihen abtragen wollte, wurde sie plötzlich von Hummeln umflogen: sie war auf ein Nest gestoßen! Auf meinen Rat ließ sie vorerst alles so wie es war, ich würde vorbeikommen und mir die Sache mal anschauen.

Gegen Abend fuhr ich dann zu meiner Schwester und begutachtete die Situation. Leider war es wegen der bevorstehenden Erdarbeiten nicht möglich, den restlichen Holzhaufen samt Nest bis zum Herbst stehen zu lassen. Außerdem waren die beiden verbleibenden Reihen Holzscheite nicht sehr stabil. Sie drohten einzustürzen und das Nest unter sich zu begraben. Eine Umsiedelung war daher leider unvermeidbar.

Was ich vorfand ist in Abbildung 1 und 2 zu sehen: das Nest war zwischen zwei Reihen Holzscheite eingebettet und schwer zugänglich. Es handelte sich um ein gut entwickeltes Steinhummelvolk mit an die 100 Individuen.


Abb. 1: Die Reste des Holzhaufens
Abb. 2: Die Position des Nestes


Ich began damit, einige Holzscheite zu entfernen um die Nestkugel freizulegen. Dabei entdeckte ich zu meinem Schrecken, daß das Nest von Wachsmottenfaltern regelrecht umlagert wurden! Es gelang mir drei der Motten zu beseitigen, doch war nun klar, daß die Hummeln bereits mit Wachsmotten befallen sind!

Das Freilegen des Nestes gestalltete sich als eine besonders schwierige Form des Mikado-Spieles: entfernte man ein Holzscheit rutschten mindestens zwei nach und drohten das Nest zu beschädigen.

Aufgrund der hereinbrechenden Dämmerung war das Weiterarbeiten sehr schwierig, weshalb ich die Arbeiten einstellte und die teilweise bereits freiliegenden Waben mit Polsterwolle abdeckte. Für heute ging nichts mehr.



Tag 2, 02.07.2000, Sonntag
Am zweiten Tag begann ich damit den Holzstoß abzutragen und das Nest freizulegen. Die Steinhummeln ließen sich davon kaum beeindrucken, nur manchmal umflog mich eine Arbeiterin etwas neugierig. Erst als ich in unmittelbare Nähe des Nestes vorgedrungen war, war es ratsam den Schutzanzug anzulegen: schon die kleinste Erschütterung beantworteten die Hummeln mit lautem Warn-Gesirre!

Die Bilder 3 und 4 zeigen das freigelegte Nest; die Polsterwolle, die ich gestern zum Schutz des Nestes zurückließ, haben die Hummeln während der Nacht fein verzupft über die Waben gelegt.


Abb. 3+4: Das freigelegte Nest


Nun kam der schwierigste Akt: das Nest mußte in den vorbereiteten Schwegler-Nistkasten gehoben werden. Als es langsam dunkler wurde war der beste Augenblick gekommen: die meisten Hummeln waren jetzt zuhause und würden nicht mehr wegfliegen. Mitsamt einem Holzscheit, auf dem sich das Nest befand, hob ich es an und legte es vorsichtig in den Nistkasten. Die Hummeln waren darüber gar nicht erfreut und kamen böse surrend aus dem Nest hevor. Ich kann wohl zu Recht behaupten, daß ich noch nie zuvor so “umschwärmt” worden bin! Gut, daß ich meinen Schutzanzug hatte.




Ich streifte die Waben vorsichtig vom Holzscheit und plazierte den offenen Nistkasten an der selben Stelle, an der sich das Nest vorher befunden hatte. So fanden die umherfliegenden Hummeln nach einiger Zeit wieder in ihr Nest zurück.


Das Nest im Nistkasten


Als es bereits völlig dunkel und keine Hummel mehr außerhalb des Nestes zu sehen war, verschloß ich den Nistkasten, verlud ihn in mein Auto und transportierte die kostbare Fracht in mein 15 km entferntes Zuhause.
Am alten Standort konnte ich den Kasten nicht lassen. Wenn ich ihn dort auch nur wenige Meter entfernt aufstellte, würden die Hummeln doch immer wieder zum alten Standort zurückfliegen und den Nistkasten nicht mehr finden. Also war es besser die Insekten in eine völlig neue Umgebung zu bringen, in der sie sich vollkommen neu orientieren müssen.

Zuhause ankgekommen stellte ich den Nistkasten an seinen vorbestimmten Platz und gin hundemüde ins Bett – es war auch schon fast Mitternacht!



Tag 3, 03.07.2000, Montag
Am nächsten Tag fuhr ich nach der Arbeit sofort zu meiner Schwester um evtl. noch herumirrende Hummeln einzufangen. Tatsächlich berichtete meine Schwester, daß sie noch etwa 15 Hummeln herumfliegen gesehen hat. Da es in der zwischenzeit stark geregnet hat, waren die Steinhummeln jedoch wohl wieder weggeflogen: mir gelang es nur 7 Arbeiterinnen einzufangen. Diese brachte ich zum Nistkasten und ließ sie direkt ins Nest krabbeln. Sichtlich erleichtert verschwanden sie in der Polsterwolle.

Die Hummeln hatten in der zwischenzeit die Wolle im Nistkasten fein verzupft und über das Nest verteilt. Sie flogen tagsüber bereits ein und aus und brachten Nektar und Pollen ein. Sie hatten den Transport gut überstanden!

Allerdings habe ich mir offenbar auch ungebetene Gäste mit nach Hause gebracht: ich entdeckte eine kleine Wachsmotte, gerade als sie den Kasten verließ!



Tag 4 und 5
Die Hummeln fließgen fleißig ein und aus, sind jedoch immer noch sehr mit dem verzupfen der Wolle beschäftigt. Zur unterstützung füttere ich Zuckerwasser zu, das stets im Nu aufgebraucht ist. In unserem Garten wimmelt es an den Blüten plötzlich nur so von Steinhummeln! Wie gut, daß in unserem Rasen gerade sehr viel Klee blüht.



Meiner Schwester gelang es noch 5 weitere Hummeln einzufangen, die natürlich gleich ins Nest eingesetzt wurden!

Die Umsiedelung schein somit erfolgreich abgeschlossen zu sein. Was nun noch zu tun bleibt ist die Kontrolle der Waben auf Wachsmottenbefall und ggfs. das Zufüttern von Zuckerwasser.

Über das weitere Schicksal der Steinhumeln werde ich im Tagebuch berichten.





Ein DANKE an alle, die bei der Umsiedelung tatkräftig geholfen haben:

Michael, für´s halten der Taschenlampe am 1. Tag
Ron, für´s fotografieren,
Margit, für den “Notruf” an mich und das Fangen der letzten Hummeln,
meiner Mutter für die Hilfe beim abtragen des Holzhaufens,

und schließlich noch Ferdinand für die Überlassung seiner Legobausteine !!




Umweltgarten


Meine Imkerei
Die Bienen, der Imker
und der Honig…

Imkerei Alex Schlecht